Gestaltung der Benutzeroberfläche auf der Basis von Kulturdimensionen

Kulturdimensionen

Ein populäres Beispiel, Kulturen zu definieren und gegeneinander abzugrenzen, stellen die Kulturdimensionen dar [Hofstede, Hofstede 2005]. Jeder untersuchten Kultur wird dabei ein Wert in den folgenden Dimensionen zugewiesen:

  • Die Machtdistanz ist das Ausmaß, in dem Menschen einer Kultur den Machtunterschied in sozialen Hierarchien erwarten und akzeptieren.
  • Individualismus/ Kollektivismus drückt aus, inwieweit Menschen einer Kultur bereit sind, sich einer Gruppe anzuschließen und welcher Wert der Gemeinschaft im Vergleich zum Individuum zugemessen wird.
  • Maskulinität/ Femininität trifft eine Aussage darüber, inwiefern eine Kultur die klassische Rollenverteilung der Geschlechter unterstützt.
  • Unsicherheitsvermeidung ist das Ausmaß, in dem sich Menschen einer Kultur durch unsichere, offene Situationen unwohl oder bedroht fühlen und versuchen diese durch Pünktlichkeit, Formalitäten und deutliche Aussagen zu vermeiden.
  • Zeitliche Orientierung beschreibt, ob der Planungshorizont eines bestimmten Kulturkreises eher langfristig oder kurzfristig ausgelegt ist.

Auswirkungen auf Benutzeroberflächen

Anhand der Kulturdimensionen können Schlussfolgerungen für die Gestaltung kulturell angepasster Benutzeroberflächen [Marcus 2005] und speziell Internetseiten gezogen werden  [Singh & Pereira 2005]. Nach Marcus [Marcus 2005] haben die Ausprägungen der Kulturdimensionen Auswirkungen auf verschiedene Bereiche der Gestaltung von Benutzeroberflächen. Unterschieden  werden:

  • Metaphern: Konzepte, die mit Worten, Bildern, Geräuschen oder durch Fühlen kommuniziert werden. Metaphern ersetzen systemspezifische, technische Elemente, um den Nutzern den Umgang mit ihnen zu erleichtern. Bekannte Beispiele sind der Mülleimer, ein Desktop und Einkaufswagen bei Online-Shops.
  • Mentale Modelle: Mentale Modelle bezeichnen die der Benutzeroberfläche zugrunde liegenden Strukturen von Daten, Funktionen, Aufgaben, Rollen oder Gruppen.
  • Navigation: Mit Hilfe der Navigation kann sich ein Nutzer durch das mentale Modell, sprich durch den Inhalt, bewegen. Beispiele sind ein Menü, Fenster, Dialogboxen, Icons und Werkzeugpaletten.
  • Interaktion: Die Interaktion beinhaltet Ein- und Ausgabe-Techniken, Statusanzeigen und andere Rückmeldungen. Ein Beispiel ist z.B. das Festlegen des Verhaltens von Tastatur und Maus.
  • Gestaltung: Gestaltung beschreibt alle visuellen, auditiven und taktilen Charakteristiken einer Benutzeroberfläche. Dazu gehören die Wahl von Farben, Schriftarten, Animationsstile, Sprachstile, Geräusche und Musik.

Auswirkungen der Kulturdimensionen

Im Folgenden sollen die Auswirkungen der einzelnen Kulturdimensionen anhand von einigen Beispielen verdeutlicht werden.

Auswirkungen der Dimension Machtdistanz

In Kulturen mit hoher Machtdistanz wie Indien oder China werden als Metaphern offizielle Institutionen sowie Gebäude und Objekte, die eine starke Hierarchie repräsentieren, bevorzugt. Die Menüstrukturen von Internetseiten sind eher hierarchisch und es wird deutlich auf wichtige Personen und die internen Hierarchien verwiesen.

In Kulturen mit niedriger Machtdistanz (wie z.B. Deutschland oder Großbritannien) werden Metaphern wie inoffizielle und beliebte Institutionen oder solche, die Gleichheit suggerieren, favorisiert. Die Strukturen sind einfacher und flacher aufgebaut und das Angebot stärker nach der Relevanz für die Nutzer organisiert.

Auswirkungen der Dimension Individualismus/ Kollektivismus

In individualistischen Kulturen (USA, Großbritannien) sind mentale Modelle produkt- oder aufgabenorientiert, in kollektivistischen (wie China) eher rollenorientiert. In individualistisch ausgerichteten Kulturen sollten Personalisierungsfunktionen, in kollektivistischen eher solche für die Kommunikation zwischen den Nutzern hervorgehoben werden

Auswirkungen der Dimension Maskulinität/ Femininität

Die zugrundeliegenden mentalen Modelle sind bei feminin ausgerichteten Kulturen (wie Indien oder Ostafrika) eher beziehungsorientiert. Websites betonen ästhetische Aspekte und bewerben Angebote eher indirekt und mit emotionalen Mitteln.

Bei maskulinen Kulturen (etwa Japan) ist das Interface eher zielorientiert, hier spielen die Effektivität einer Website und technische Details angebotener Produkte eine wichtige Rolle. Bei maskulinen Kulturen wird auch stärker auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern hingewiesen.

Auswirkungen der Dimension Unsicherheitsvermeidung

Für Kulturen mit hohen Faktoren für die Unsicherheitsvermeidung (wie Deutschland und Japan)  hält die Navigation weniger und eindeutigere Optionen bereit. Bei der Interaktion wird Wert auf präzise Steuerung und akkurates Feedback gelegt. Die visuelle Gestaltung ist einfach gehalten und konsistent.

Bei geringerer Unsicherheitsvermeidung (wie in den USA oder Dänemark) enthält die Navigation auch Mittel, um mit nicht eindeutig zuzuordnenden Optionen umzugehen. Suchfunktionen von Websites sind einfach aufgebaut oder bieten sogar Zufallsfunktionen (wie bei Google). Die visuelle Gestaltung ist vielfältiger.

Auswirkungen der Dimension Zeitliche Orientierung

In Bezug auf die Navigation werden bei langfristig orientierten Kulturen (wie China oder Japan) eher längere Navigationspfade und Mehrdeutigkeiten akzeptiert. Dabei sind auch Möglichkeiten für die ruhige Betrachtung und das Nachdenken wichtig.

In kurzfristiger orientierten Kulturen (USA, Großbritannien) steht dagegen eine schnelle Orientierung durch eindeutige Taxonomien sowie die Darstellung der aktuellen Position durch Breadcrumps im Vordergrund und die Navigation ist insgesamt eher funktions- und aufgabenorientiert.

Diese Beispiele sollen einen Eindruck möglicher Auswirkungen kultureller Einflüsse auf die Gestaltung der Benutzeroberfläche geben. Im Vorfeld der Gestaltung kann es sehr hilfreich sein, vergleichbare Internetseiten im jeweiligen Zielland zu analysieren.

 

Eine ausführlichere Beschreibung der Zusammenhänge finden Sie bei:

  • Marcus, Aaron (2005): User Interface Design and Culture. In: Aykin, Nuray (Hg.): Usability and internationalization of information technology. Mahwah, NJErlbaum. S. 51?78.
  • Marcus, Aaron (2001): Cultural Dimensions and Global Web Design: What? So What? Now What? http://www.amanda.com/resources/hfweb2000/AMA_CultDim.pdf (Verifizierungsdatum: 04.08.2010).
  • Singh, Nitish; Pereira, Arun (2005): The culturally customized web site. Burlington, Mass.: Butterworth-Heinemann