Kulturelle Einflüsse auf Usability-Tests

Ein Informationssystem, das für einen lokalen Markt angepasst wird, sollte aus Usability-Sicht als eine neue Benutzerschnittstelle behandelt werden [Nielsen 1990]. Usability-Evaluationen des Originalprodukts im Ursprungsland liefern keine repräsentativen Daten und eine erneute Evaluation ist notwendig.

Vorbereitung der Usability-Tests

Zu den Vorbereitungen einer internationalen Usability-Studie gehören zunächst die Suche nach:

  • Informationsmaterial, wie bspw. Marktforschungsunterlagen,
  • Design Guidelines und Standards aus dem Zielmarkt,
  • sowie Beispiele des Untersuchungsgegenstands.

Im nächsten Schritt werden diese Informationsmaterialien gesichtet und analysiert. Darauf basierend können Hypothesen formuliert werden, die wiederum als Entscheidungsgrundlage für die Auswahl einer geeigneten Evaluationsmethode dienen (z.B. Fragebogen, Interview oder Usability-Test) und überprüft werden können. [Röse 2005]

Kulturelle Einflüsse auf Usability-Tests

Bei Usability-Tests, die im Ausland geplant werden, müssen viele Faktoren beachtet werden, die einige Experten [Dray, Siegel 2005; Bojko et al. 2005] aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz zusammengestellt haben:

  • Die Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen dient dazu, Sprach- und Kulturbarrieren zu umgehen. Das lokale Unternehmen übernimmt Aufgaben, wie die Bereitstellung von Räumlichkeiten, die Rekrutierung von Testnutzern, und das Durchführen von Tests.
  • Die Sprache sollte der Muttersprache der Testnutzer entsprechen, da sich Teilnehmer auch bei fließenden Sprachkenntnissen besser in der Muttersprache ausdrücken können. Der Moderator sollte ebenfalls Muttersprachler sein, da er so auch feine Nuancen, die bei einem Usability-Test wichtig sein können, versteht. Desweiteren können erforderliche Fremdsprachenkenntnisse einige Teilnehmer ausschließen.
  • Der Testaufbau sollte möglichst an kulturelle Unterschiede angepasst werden. Der Ausdruck von subjektiven Einstellungen, Gedanken und Reaktionen variiert zwischen Kulturen, ebenso die Bereitschaft Kritik zu äußern, Verwirrung zu zeigen oder Probleme nicht auf sich selbst, sondern auf das Produkt zu beziehen. Bei der Anpassung des Testaufbaus ist zu bedenken, dass die Vergleichbarkeit der Ergebnisse mit Studien aus anderen Ländern erhalten bleiben sollte.

Kulturelle Effekte auf Usablity-Probleme

Kulturelle Einflüsse können einen Usability-Test stark beeinflussen. Beispielsweise finden britische Testnutzer bei einem klassischen Usability-Test mehr Probleme als indische und kenianische Teilnehmer. Dies lässt sich mit Hilfe der Kulturdimensionen von Hofstede interpretieren.

Auswirkung der Machtdistanz

Zum einen wirkt sich Machtdistanz auf einen Usability-Test aus. Diese liegt sowohl in Kenia als auch in Indien wesentlich höher als in Großbritannien, weswegen Briten weniger Hemmungen hatten, Kritik zu äußern. Zum anderen spielte bei kenianischen Testnutzern die kollektivistisch geprägte Kultur eine Rolle. Sprache hat einen sozialen Charakter, der in kollektivistischen Kulturen stärker ausgeprägt ist. Bei der Studie führte dies dazu, dass Kenianer das Produkt nur widerwillig kritisieren.

Auswirkung der Unsicherheitsvermeidung

Die Kulturdimension Unsicherheitsvermeidung wirkte sich vor allem bei indischen Teilnehmern auf den Usability-Test aus. Indische Teilnehmer hatte Schwierigkeiten, die Aufgabenstellung zu verstehen. Erst bei wiederholten Nachfragen durch den Moderator während des Tests konnten sich die indischen Teilnehmer besser vorstellen, was sie tun sollten.

Dass Briten mehr Fehler bei einem Usability-Test finden, als indische oder kenianische Teilnehmer, lässt sich auch mit den Forschungen von Edward T. Hall in Verbindung zu bringen. Kenia kann eher einer high-context Kultur zugeordnet werden.

In dem Usability-Test führte die Tendenz, Fehler auf sich selbst zu beziehen, dazu, dass kenianische Testnutzer auftretende Schwierigkeiten als persönliches Versagen empfanden. Zudem müssen Moderatoren bei Testnutzern, die eher high-context Gesellschaften zuzuordnen sind, mehr auf die nonverbale Kommunikation (wie Gesichtsausdruck, Gesten und Körperhaltung) achten [Oyugi et al. 2008].

Besonderheiten in der Moderation von Usability-Tests

Auch die von Nisbett aufgestellte Kulturtheorie kann kulturelle Einflüsse auf einen Usability-Tests erklären. Bei chinesischen Testnutzern ist es beispielsweise sehr wichtig, an das Laute Denken zu erinnern und immer wieder Nachfragen zu stellen, da sie bei den Usability-Tests eher zu Schweigsamkeit tendieren. Dies hängt nach Shi 2008 mit dem ostasiatischen holistischen Denkstils zusammen, der Chinesen Schwierigkeiten bereitet, ihre Gedanken zu verbalisieren.

Auswahl der Evaluationsmethode

Bei einem Usability-Test ist ein Moderator, der aus der gleichen Kultur stammt wie die Testnutzer, zwar wichtig. Aus den vorhergehenden Betrachtungen ergibt sich jedoch, dass auch die Evaluationsmethode an die jeweilige Kultur angepasst werden muss, damit ein Usability-Test reibungslos ablaufen kann.